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Sergei Loznitsa beobachtet Besucher von KZ-Gedenksttten und fgt in seinem bemerkenswerten Essayfilm ein komplexes Bild der Holocaust-Erinnerung zusammen.

xxxxAusterlitz

Deutschland 2016,
Regie und Drehbuch: Sergei Loznitsa

Ohne Altersbeschrnkung,
94 Minuten

Kino gnstig:
Nur 5,00 Euro Eintritt


Nur einen Tag im Programm:

Pfeil MI 21.6. um 21.30 Uhr



Muss man sich fr den Besuch in einer KZ-Gedenksttte besonders anziehen? Soll man dezente, am besten schwarze Kleidung tragen oder ist es in Ordnung, die selben Shorts, das selbe T-Shirt anzuhaben, das man auch fr den Besuch eines normalen Museums oder eines Einkaufzentrums anhat? Und wie soll man sich verhalten? Muss man dauerhaft eine betroffene Miene aufsetzen, andchtig die Schautafeln lesen, auf denen versucht wird, dass unvorstellbare in Worte zu fassen? Ist es verwerflich auch mal zu lachen oder gar etwas zu Essen wenn man mehrere Stunden durch ein ehemaliges Lager wie Sachsenhausen luft?

Auf den ersten Blick mutet es befremdlich an, mit welcher Beilufigkeit die allermeisten Menschen gekleidet sind, die an den heien Sommertagen, whrend denen Sergei Loznitsa die Bilder fr seinen Film "Austerlitz" gedreht hat, das nahe Berlin gelegene KZ besuchen. Vielleicht ist dieses unbedachte Verhalten aber auch ein Zeichen fr mehr: Wenn man da sieht, wie Besucher Fotos machen, dann beginnt man sich zu fragen, was in diesen Menschen vorgeht. Ein Selfie vor dem Tor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei"? Ein Foto in scheinbar gefesselter Pose vor den Holzstmmen, an den Gefangene angebunden waren und erschossen wurden? In entspannter Pose vor Verbrennungsfen fotografiert werden als wrde man vor dem Brandenburger Tor stehen?

Ohne Kommentar zeigt Loznitsa diese Bilder, die er zusammen mit seinem Kameramann Jesse Mazuch eingefangen hat, unterlegt mit einer komplexen Tonspur, die vor allem Alltagsgerusche hren lsst, immer wieder aber auch die Erklrungen von Fhrern, die mal sachlich, mal bertrieben emotional die Hintergrnde einzuordnen suchen. Um sie herum teils offensichtlich ergriffene, teils ebenso offensichtlich gelangweilte Touristen, fr die der Besuch eines Konzentrationslagers eben zu dem gehrt, was man bei einem Besuch in Deutschland so macht.

Ob diese Form der Erinnerung, des Gedenkens, einen Sinn hat oder den Holocaust nur zu einem weiteren Punkt auf dem Besuchsprogramm macht, den es abzuhaken gilt, knnte man sich fragen. Oder ob es nicht etwas fr sich hat, das so viele Menschen - und an den heien Sommertagen, an denen "Austerlitz" entstand, war Sachsenhausen offensichtlich geradezu berlaufen - sich mit dem Holocaust beschftigen, in welcher Form auch immer. Aber auch, wie die Erinnerung an den Holocaust vermittelt werden kann, an ein Verbrechen, dessen Ausmae und Perfiditt so extrem ist, dass es eben oft, ja, unvorstellbar ist. Klare Antworten auf diese Fragen zu geben mat sich Sergei Loznitsa nicht an, er beobachtet, stellt zusammen und lsst den Zuschauer selbst Schlsse ziehen, was "Austerlitz" am Ende zu so einem so reichen Filmerlebnis macht.

Autor:
Michael Meyns
Mit freundlicher Genehmigung von
  • www.programmkino.de
  •  Offizielle Filmwebseite
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