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Die renommierte Filmeditorin Bettina Bhler zeigt in ihrem virtuos montierten und ungemein unterhaltsamen Regiedebt den Ausnahmeknstler in seiner ganzen Bandbreite.

Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien

Deutschland 2020,
Regie und Drehbuch: Bettina Bhler

Frei ab 12 Jahren,
125 Minuten

Eintrittspreis: 8,00 Euro,
ermigt: 7,00 Euro,
Kulturticket: 5,00 Euro


Pfeil Nur SA 3.10. um 17.00 Uhr


Der Knstler in seinen eigenen Worten, knnte der Untertitel von Bettina Bhlers Montagefilm auch lauten. Whrend viele biographische Portrtfilme mglichst viele Wegbegleiter und Freunde des Portrtierten interviewen, je nach Sujet Wissenschaftler und Historiker befragen, die das Schaffen einordnen, whlt Bhler einen anderen Weg: Als erfahrene Editorin, die mit Christian Petzold, Valeska Griesbach oder Nicolette Krebitz zusammengearbeitet hat, aber auch etliche Filme von Christoph Schlingensief in Form brachte, liegt es wohl nahe, sich nicht an einen klassischen biographischen Film zu wagen, sondern sich in die Archive zu strzen.

Ausschlielich auf Archivmaterial sttzt Bhler sich in ihrer ersten langen Regiearbeit, hatte augenscheinlich Zugang zu praktisch allem was von und ber Schlingensief gefilmt wurde und das ist eine ganze Menge. Schon als Kind begann Schlingensief mit den Nachbarskindern eigene Filme zu drehen, schaffte es zwar nicht auf eine Filmschule, aber bald zur Berlinale, wo sein zweiter Film Men Total fr erhebliche Verstrung und leere Kinos sorgte. Doch ab da lief es rund, mit enormem Tatendrang drehte Schlingensief einen Film nach dem anderen, wurde zur Ikone des Undergrounds und gerade im richtigen Moment fr die Berliner Volksbhne entdeckt. Hier konnte sich Schlingensief dank der grozgigen deutschen Kulturfrderung austoben und immer aufwndigere, immer wtendere Projekte starten. Sei es der Aufruf, dass sich die sechs Millionen arbeitslosen Deutschen am Wolfgangsee, dem Urlaubsort Helmut Kohls, versammeln sollten, um in den See zu springen, sei es sein Big Brother-Container in Wien, in dem sterreicher die Mglichkeit hatten, Auslnder raus zu whlen, seien es TV-Shows oder sogar eine Wagner-Inszenierung. Schlingensief war ein Tausendsassa, der mit seinen Aktionen und Performances provozierte und aneckte.

Und der doch so klug war, wie vor allem in den Gesprchen mit Alexander Kluge deutlich wird, die Bhlers Film in dieser Form erst mglich machen. Im Gegensatz zu vielen anderen nimmt Kluge Schlingensief auch intellektuell ernst, aus diesen Gesprchen zitiert Bhler ausgiebig, sie bilden den roten Faden. In den zahlreichen Talkshows, in die Schlingensief mit zunehmendem Bekanntheitsgrad gerne eingeladen wurde, scheint er dagegen vor allem als etwas exzentrischer Pausenclown eingeladen worden zu sein, eine Rolle, die Schlingensief mit seiner unverblmten, direkten Art auch scheinbar passte. Das hinter dem Exzess, hinter der Provokation, ernste Anliegen lagen, Schlingensief Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit gerade auch fr sozial schwcher Gestellte, aber auch Behinderte forderte, ging im Krawall dabei oft unter.

Eine gewisse Tragik haftet Bhlers Film dadurch an, der es mit seinem geschickt montierten Material immer wieder versteht, die Vielschichtigkeit Schlingensiefs anzudeuten. Erst seine ganz besondere Art machte Schlingensief so berhmt, aber genau diese Art machte es allzu leicht, die Substanz seiner Kunst zu bersehen. So oder so, der Verlust von Christoph Schlingensief, der mit nur 49 Jahren an Krebs starb, wiegt schwer. Ohne es aussprechen zu mssen, ohne dass es Freunde und Wegbegleiter direkt sagen, wird am Ende von Bettina Bhlers Schlingensief In das Schweigen hineinschreien berdeutlich: Er fehlt.

Autor: Michael Meyns
Mit freundlicher Genehmigung von
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